Stärken fördern: Gute Führung beginnt nicht bei den Schwächen

Hast du diese Erfahrung auch schon gemacht? Viele Führungskräfte schauen bei ihren Teams zuerst auf das, was fehlt: Welche Kompetenz muss entwickelt werden? Wo liegen Defizite? Was funktioniert nicht? Ich halte diese Denkrichtung für falsch.
Mich interessiert zunächst nicht, was ein Mensch nicht kann. Mich interessiert, was er kann – und welche Bedingungen er braucht, um daraus etwas Besonderes zu machen.
Denn Menschen leisten dann am meisten, wenn sie im übertragenen Sinne auf dem richtigen Stuhl sitzen: in einer Rolle, die zu ihren Talenten, Kompetenzen und Interessen passt.
Nicht passend machen, sondern den passenden Platz finden
Die entscheidende Führungsfrage lautet deshalb nicht: „Was kann dieses Teammitglied nicht?“ Die entscheidende Frage lautet meiner Meinung nach: „Was kann ich tun, damit dieser Mensch seine Fähigkeiten einbringen und weiterentwickeln kann?“
Damit verändert sich Führung grundlegend. Aus dem Blick auf Defizite wird der Blick auf Möglichkeiten. Aus bloßem Fordern wird gezieltes Fördern. Und aus kurzfristigem Leistungsdruck kann nachhaltiges Wachstum entstehen.
Unternehmen wollen wachsen. Aber Unternehmen wachsen nur, wenn die Menschen in ihnen wachsen können.
Potenzial zeigt sich erst im Tun
Ein Bewerbungsgespräch von 45 Minuten reicht nicht aus, um das tatsächliche Potenzial eines Menschen zu erkennen. Es kann zeigen, ob Sympathie vorhanden ist, Werte zusammenpassen und eine Zusammenarbeit grundsätzlich vorstellbar ist.
Was wirklich in jemandem steckt, zeigt sich jedoch erst im Arbeitsalltag: bei neuen Aufgaben, unter Druck, in unerwarteten Situationen – und das manchmal erst nach Jahren.
Hinzu kommt: Nicht jeder Mensch kennt seine eigenen Stärken. Erwartungen von Eltern, Partnern oder dem beruflichen Umfeld prägen das Selbstbild. Viele orientieren sich daran, was sie angeblich können oder erreichen müssten, statt daran, was tatsächlich in ihnen angelegt ist.
Gute Führung braucht deshalb Aufmerksamkeit, Gespräche und Geduld.
Dabei hilft eine Führungskultur, die Menschen nicht vorschnell bewertet, sondern Verhalten und Persönlichkeit klar voneinander trennt.
Unzufriedenheit ist eine Information
Wer Menschen entwickeln möchte, sollte zuhören und genau beobachten: Bei welchen Aufgaben entsteht Energie? Wann arbeitet jemand konzentriert und fast spielerisch, ist also im Flow? Wo übernimmt ein Teammitglied freiwillig Verantwortung?
Auch Klagen oder Unzufriedenheit sind nicht automatisch Zeichen mangelnder Motivation. Sie können darauf hinweisen, dass jemand auf dem falschen Stuhl sitzt – oder bereit für den nächsten Entwicklungsschritt ist.
Vielleicht braucht dieser Mensch mehr Verantwortung. Vielleicht eine andere Aufgabe, eine Weiterbildung oder einfach das Vertrauen, etwas Neues ausprobieren zu dürfen.
So kann aus einem guten Teammitglied ein hervorragendes werden – und später vielleicht sogar eine starke Führungskraft.
Exzellenz lässt sich nicht erzwingen
Menschen dauerhaft in Rollen zu pressen, die nicht zu ihnen passen, kostet Kraft, erzeugt Frust und führt selten zu außergewöhnlichen Ergebnissen.
Natürlich darf jeder an seinen Schwächen arbeiten. Aber Entwicklung bedeutet nicht, aus jedem Menschen alles machen zu können. Wer ständig gegen die eigenen Anlagen arbeitet, kann vielleicht eine akzeptable Leistung erreichen. Exzellenz entsteht dabei selten.
Exzellenz entsteht vielmehr dort, wo Können, Interesse und Aufgabe zusammenkommen. Dann darf Arbeit zumindest teilweise spielerisch werden. Sie geht leichter von der Hand, erzeugt Freude und ermöglicht jenen Zustand, den wir, wie zuvor schon erwähnt, Flow nennen.
Auch Weiterbildung ist dann besonders wirksam, wenn sie an vorhandene Stärken anknüpft und neue Möglichkeiten eröffnet.
Wer Menschen entwickeln will, muss selbst lernfähig bleiben
Fortbildung ist für mich kein Bonus, sondern Pflichtprogramm – besonders für Führungskräfte.
Wer sein Team weiterbringen möchte, muss bereit sein, selbst dazuzulernen, Perspektiven zu wechseln und die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Damit sendet eine Führungskraft ein wichtiges Signal: Lernen ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht.
Stärkenorientierte Führung ist dabei kein Kuschelkurs. Wer erkennt, was in einem Menschen steckt, darf ihm auch etwas zutrauen und Leistung erwarten.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob ich jemanden permanent an seinen Schwächen messe – oder Bedingungen schaffe, unter denen er seine beste Leistung erbringen kann.
Genau darin besteht für mich eine der wichtigsten Aufgaben guter Führung: Menschen nicht passend zu machen, sondern herauszufinden, wo sie bereits passen – und wie daraus etwas Großes entstehen kann.

