Störungen im Team ansprechen: Warum Klärung immer Vorrang hat

Illustration zum Thema „Störungen haben Vorrang“: Eine Person fragt eine bedrückte Person „Was ist denn los?“

Irgendetwas stimmt nicht. Eine Kollegin wirkt ungewöhnlich still. Ein Mitarbeiter ist mit den Gedanken ganz woanders. Im Meeting liegt eine Spannung in der Luft, die niemand offen anspricht. Trotzdem wird weitergemacht. Schließlich ist der Kalender voll, die Präsentation muss fertig werden und der nächste Termin wartet bereits.

Doch genau das ist ein Fehler. Denn sobald es im Team knirscht, ist konzentriertes Arbeiten kaum noch möglich. Deshalb gilt für mich ein klares Führungsprinzip: Störungen haben Vorrang.

Störungen kosten mehr als nur Zeit

Störungen können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Vielleicht beschäftigt einen Mitarbeiter ein privates Problem. Vielleicht fühlt sich jemand überfordert oder ungerecht behandelt. Vielleicht gibt es einen Konflikt, der bisher nur indirekt ausgetragen wird.

Ganz gleich, worum es geht: Eine ungelöste Störung bindet Aufmerksamkeit. Sie kostet Kraft, Nerven und Kreativität. Mitarbeiter sind zwar körperlich anwesend, gedanklich aber mit etwas völlig anderem beschäftigt. Dadurch sinken Konzentration, Motivation und häufig auch die Qualität der Arbeit.

Wer in einer solchen Situation einfach weitermacht, spart keine Zeit. Er verschiebt das Problem lediglich – und macht es meistens größer.

Warum ungelöste Konflikte im Team wachsen

Eine Störung, die nicht angesprochen wird, verschwindet selten von selbst. Stattdessen beginnt eine gefährliche Entwicklung. Aus Unsicherheit werden Vermutungen. Aus Vermutungen werden Geschichten. Aus Geschichten entstehen Rückzug, Misstrauen oder offene Ablehnung.

Irgendwann weiß niemand mehr genau, wie alles angefangen hat. Das ursprüngliche Problem ist kaum noch zu erkennen, seine Auswirkungen sind jedoch überall spürbar.

Der chinesische Stratege Sun Tzu formulierte es treffend:

„Behandle den Feind, bevor er zur Gefahr wird.“

Auf die Zusammenarbeit im Unternehmen übertragen bedeutet das: Kläre eine Irritation, solange sie noch klein ist. Warte nicht, bis aus ihr ein handfester Konflikt geworden ist.

Gute Führung bedeutet, hinzuschauen

Wenn ich merke, dass etwas nicht stimmt, stoppe ich nach Möglichkeit den laufenden Prozess. Ich halte ein Meeting an oder verschiebe eine interne Abgabe, um zunächst zu klären, was los ist.

Das klingt im ersten Moment vielleicht ineffizient. Tatsächlich ist es das Gegenteil. Ein kurzes, ehrliches Gespräch kann verhindern, dass ein Team über Tage oder Wochen hinweg Energie verliert.

Dafür braucht es keine komplizierte Gesprächsmethode. Oft reicht eine direkte und respektvolle Frage:

„Ich habe den Eindruck, dass dich gerade etwas beschäftigt. Möchtest du darüber sprechen?“

Entscheidend ist, nicht sofort zu bewerten oder eine Lösung vorzugeben. Zunächst geht es darum, zuzuhören und zu verstehen.

Störungen im Team offen ansprechen

Eine gute Zusammenarbeit braucht einen Raum, in dem Unstimmigkeiten angesprochen werden dürfen. Mitarbeiter sollten sagen können, wenn sie überlastet sind, eine Entscheidung nicht nachvollziehen können oder sich durch das Verhalten eines Kollegen gestört fühlen.

Das bedeutet nicht, jede persönliche Befindlichkeit in großer Runde auszubreiten. Es bedeutet aber, Probleme nicht aus falsch verstandener Höflichkeit zu verschweigen.

Offenheit funktioniert nur, wenn sie respektvoll bleibt. Es geht nicht darum, Schuldige zu suchen. Es geht darum, gemeinsam zu erkennen, was die Zusammenarbeit gerade behindert – und wie sich die Situation klären lässt.

Auch die Führungskraft kann die Störung sein

Manchmal bin ich selbst die Störung. Auch Führungskräfte können schlecht kommunizieren, unnötigen Druck erzeugen oder Entscheidungen treffen, die für andere nicht nachvollziehbar sind.

Dann bin ich darauf angewiesen, dass jemand den Mut hat, mir zu sagen: „Hey Chef, so geht das nicht.“

Deshalb lade ich alle Menschen, die mit mir arbeiten, ausdrücklich dazu ein, Störungen anzusprechen – auch dann, wenn sie von mir ausgehen. Manche nennen das einen herrschaftsfreien Raum. Ich nenne es gesunde Zusammenarbeit.

Eine offene Feedbackkultur zeigt sich nicht daran, dass Führungskräfte Rückmeldungen einfordern. Sie zeigt sich daran, wie sie reagieren, wenn sie tatsächlich welche bekommen.

Klärung schafft wieder Raum für gute Arbeit

Störungen im Team anzusprechen, kostet zunächst Zeit und manchmal auch Überwindung. Doch ungeklärte Probleme kosten deutlich mehr. Sie belasten Beziehungen, schwächen das Vertrauen und verhindern, dass Menschen ihre Energie auf die eigentliche Aufgabe richten können.

Deshalb: Wenn es knirscht, schau hin. Sprich an, was du wahrnimmst. Höre zu und kläre die Situation, bevor sie sich verselbstständigt.

Der Lohn ist reine Luft. Alle können wieder frei atmen – und sich auf das konzentrieren, was eigentlich ansteht: gute gemeinsame Arbeit.

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