Warum Fehler unsere beste Investition sind

Fehlerfrei ist nur, wer nichts tut

Salz in der Suppe. Würze. Notwendiges Übel. Lernziel. Und so weiter … Ich weiß nicht, wie viele poetische und nicht-poetische Umschreibungen es für „Fehler“ gibt. Ich weiß nur eins: Fehler sind nur zu vermeiden, wenn man nichts tut. Und selbst das kann ein Fehler sein. Ein bitterer. Oder vielleicht sogar der größte.

Albert Einstein hat es auf den Punkt gebracht: „Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.“ Kurz gesagt: Ohne Fehler geht‘s nicht. Und: Es muss auch gar nicht ohne gehen. Denn ja – dieser alte Gemeinplatz gilt nach wie vor: Aus Fehlern lernen wir. Somit steht fest: Fehler müssen passieren. An Fehlern ist nichts Schlimmes.

Warum unser Gehirn Fehler hasst

Was muss also passieren, damit wir unsere Fehlerhaftigkeit besser akzeptieren können?

Zum einen sind wir stammhirn-mäßig noch immer in der Steppe. Bei der Jagd nach Säbelzahntiger & Co. konnte ein Fehler leicht tödliche Folgen haben. Entweder wurden wir selbst zur Beute oder machten keine. Dann drohte einem selbst und vielleicht der ganzen Sippe der Hungertod – oder zumindest unfreiwilliges Fasten. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Zum anderen – und das hängt mit dem Überlebensaspekt bei der Fehlervermeidung zusammen – hängt oft genug aufgrund falscher Erziehung unser gesamtes Selbstwertgefühl davon ab, ob wir einen Fehler machen oder nicht. Fatal, kann ich da nur sagen. Denn einen Fehler machen heißt für viele, ein Fehler sein. Die Folge von jahrhundertelanger schwarzer Pädagogik, von Drill, von Verachtung, Auslachen und mehr.

Die Urangst vor Ausgrenzung

Die Urangst, die dahinter steckt, ist die vor dem Alleinsein, vor dem Verstoßenwerden. Früher bedeutete dies den sicheren Tod. Aber auch heute schmerzen Ausgrenzung, ausgelacht werden oder ähnliche soziale Sanktionen.

Die meisten unserer Mitmenschen versuchen daher um jeden Preis, Fehler zu vertuschen.

Fehler neu codieren

Eltern, Lehrkräfte und natürlich auch Chefs können viel dazu beitragen, in der Gesellschaft, in Familie, Schule und eben auch in den Betrieben eine andere, gesündere Einstellung zu Fehlern zuzulassen.

Meiner Meinung nach müssen wir unsere Fehler von unserem Selbstwertgefühl abkoppeln. Oder das Fehler-Machen neu codieren. Es ist also keine Schande, Fehler zu machen, sondern im Grunde eine Art Auszeichnung.

Hat dieser Dreh im Kopf der Verantwortlichen stattgefunden – Eltern, Lehrkräfte, Chefs – dann entspannen sich Kinder, Schülerinnen und Schüler sowie die Menschen in den Unternehmen.

Der einzige unverzeihliche Fehler

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt einen Erz-Fehler. Und der wird auch nicht verziehen.

Und das ist der Fehler, einen Fehler zu verstecken. Ihn unter den Teppich zu kehren. Zu verschweigen.

Das ist unverzeihlich. Denn einen Fehler zu verstecken heißt, ihn seines Lernpotenzials zu berauben. Und das ist nicht akzeptabel.

Im Umkehrschluss heißt das: Fehler passieren. Und sie werden sofort kommuniziert. Offen. Direkt. Konstruktiv. Wir schauen sie an. Wir analysieren sie. Und beheben sie – so schnell wie möglich. Ohne Schuldfrage. Denn wer genau „schuld“ war, interessiert mich nicht. Darum kümmern wir uns nicht.

Raus aus dem Schuldraum – rein in den Lösungsraum

Natürlich versuchen wir, möglichst fehlerfrei zu arbeiten. Aber wir sind nun einmal Menschen. Keine Götter. Also machen wir sie, diese Fehler – ohne auf ihre Vermeidung allzu viel Energie zu verschwenden, die ohnehin nur eines ist: Verschwendung.

Fehler stellen keine Gefahr dar. Fehler sind kein Makel. Im Gegenteil: Fehler sind das kreative Extra im Arbeitsalltag. Sie zeigen Abweichungen, machen Schwächen sichtbar, öffnen Türen für Neues.

Fehler sind also: Kommunikationsanlass. Lernchance. Kreativität. Bewegung.

Das Gegenteil von Fehlern ist nicht Perfektion. Sondern Stillstand. Denn: Wenn nie etwas schiefläuft, passiert wahrscheinlich auch nichts.

Und wenn etwas schiefläuft? Dann bleiben wir nicht im Problemraum. Wir gehen in den Lösungsraum. Wir schauen uns den Schaden an. Reparieren ihn. Fragen: Was war die Ursache? Welche Stellschraube können wir drehen, um das Ziel doch noch zu erreichen?

Und wir lernen. Damit der Fehler möglichst nicht erneut passiert. Und genießen, dass wir uns weiterentwickelt haben. Nicht mehr – nicht weniger.

Auch hier passt ein weiteres Zitat von Einstein: „Der Dumme sucht den Schuldigen – der Intelligente eine Lösung.“

Warum kluge Köpfe besonders zweifeln

Übrigens: Wusstest du, dass gerade besonders intelligente und gut ausgebildete Menschen die größte Angst haben, Fehler zu machen? Das ist kein Zufall.

Denn intelligente Menschen können besser vorausdenken. Sie sehen also nicht nur den Fehler, sondern auch alle möglichen Folgen. Da geht dann ganz leicht das Kopfkino los: „Was denken andere dann über mich?“, „Verliere ich Vertrauen?“, „Schadet das meiner Zukunft?“

Das bedeutet, dass Menschen, die weniger analysieren, oft freier und spontaner handeln.

Ganz tückisch wird’s dann, wenn großes Potenzial auf große Versagensangst trifft. Das einzige Mittel dagegen lautet: Rein in die Angst – und durch sie hindurch, bis du sie hinter dir hast. Oder einfach gesagt: Trotzdem machen. Das ist der einzig gesunde Umgang mit der Angst.

Der größte Fehler

Denn der größte Fehler ist nicht, Fehler zu machen.

Der größte Fehler ist, aus Angst vor Fehlern kleiner zu bleiben, als man eigentlich ist.

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