Lerche oder Eule? Warum dein Biorhythmus über Produktivität entscheidet

Der Moment, wenn die Welt noch schläft

Es gibt eine Zeit am Tag, in der die Welt nicht nur still ist. Sie scheint geradezu stillzustehen: Keine Nachrichten. Keine Anrufe. Noch nicht mal der leise Anfang. Für mich liegt dieser Moment irgendwann zwischen drei und vier Uhr morgens. Schock? Schock!

Denn klar weiß ich, dass so eine Uhrzeit für viele Menschen nicht nur absurd, sondern geradezu gefährlich klingt. Aber für mich nicht. Mein Körper kennt diesen Rhythmus seit Jahrzehnten. Der Wecker ist überflüssig. Mein Biorhythmus übernimmt das.

Okay. Um drei Uhr passiert noch nicht viel. Da drehe ich mich tatsächlich oft noch einmal um. Doch ab vier Uhr beginnt mein Tag dann schon.

Wenn der Tag um vier Uhr startet

Ab vier Uhr gilt: Licht an. Wasser trinken. Gesicht waschen. Runter und erst mal Kaffee kochen … Äh, nein. Nicht mehr. Heute starte ich den Tag mit einer frisch ausgepressten Zitrone auf ein Glas Wasser, mit frisch gebrautem Ingwertee und einem Löffel Honig. So ändern sich die Zeiten.

Während also das Wasser blubbert, oder manchmal doch meine Bialetti auf dem Herd leise vor sich hin gurgelt, sitze ich bereits am Schreibtisch. Die erste halbe Stunde gehört meinem Morning Writing – Gedanken auf Papier bringen, bevor der Tag sie verwischt.

Noch bevor Tee oder Kaffee fertig sind, ist die erste Seite schon geschrieben. Ich hole mir das Heißgetränt meiner Wahl, trinke es in Ruhe und schreibe weiter. Morning Writing. Danach folgt das, was ich am liebsten tue: Ich arbeite an einem Roman. Meist ist immer einer „in der Mache“. Der aktuelle trägt den Arbeitstitel „Celily“ – wieder England, bzw. Schottland. Ich weiß nicht, wieso ich literarisch so einen Narren an dieser Insel gefunden habe.

Später lese ich noch ein wenig, meist in einem Business Buch. Im Monet heißt es „Where are the customers` Yachts“ von Fred Schwedt Jr., ein Klassiker über das Leben und Arbeiten an der Wall Street. Anschließend gönne ich mir manchmal noch ein kurzes Nickerchen.

Aber: Gegen 5:45 Uhr beginnt mein Sportprogramm. Kardio, Dehnung, Kraft. Herrlich. Und kurz danach begrüße ich den Tag. Hallo Tag.

Frühaufsteher leben in einer anderen Zeit

 

Der große Vorteil eines Frühaufstehers liegt nicht in der Uhrzeit.

Er liegt in der Stille. Wenn andere noch schlafen, entstehen die klarsten Gedanken. Keine Ablenkungen. Keine Unterbrechungen. Keine digitale Dauerkommunikation. Nur Konzentration. Reine Konzentration.

Natürlich höre ich manchmal Kommentare wie: „Wie bitte? Um neun Uhr im Bett? Das ist ja langweilig!“ Oder: „Um vier Uhr raus? Da geht man doch erst ins Bett!“ Vielleicht. Mag sein. Mir egal. Mein Tag beginnt zu einer Zeit, zu der andere gerade überlegen, ob sie noch eine weitere Netflix-Serie starten sollen. Während also viele Menschen schlafen oder vor dem Bildschirm vergammeln, sitze ich bereits hellwach am Schreibtisch.

Und genau dort bin ich in meinem Element. „Balance ist nicht etwas, das du findest, sondern etwas, das du erschaffst.“– Deepak Chopra. Ganz mein Motto.

Aber nicht jeder Mensch ist eine Lerche

 

Keine Lerche? Macht nix. Gut so. Denn genauso wie manche Menschen morgens brillieren, gibt es andere, deren Gehirn erst später am Tag richtig wach wird. Ist angeboren. Kann man nix machen. Die Chronobiologie spricht von Chronotypen. Im Alltag nennen wir sie einfach:

Lerchen und Eulen.

  • Lerchen arbeiten morgens am besten.
  • Eulen entfalten ihre Energie am Abend.

Für viele Nachtmenschen beginnt die produktivste Phase erst, wenn der Tag langsam ruhiger wird. Wenn andere herunterfahren, läuft ihr Denken zur Hochform auf. Ideen entstehen, Präsentationen werden klar, Texte bekommen Struktur. Die Nacht gehört ihnen. Nicht aus Romantik – sondern aus Produktivität.

„Ich liebe die Nacht – kein Mensch will etwas von mir, mein Denken gehört mir allein.“
– Unbekannt (aber definitiv eine Eule)

Das Problem vieler Organisationen

Eine Lerche bleibt eine Lerche. Eine Eule bleibt eine Eule. Das ist kein Charaktermerkmal. Und auch keine Frage von Disziplin. Es ist Biologie.

Viele Organisationen ignorieren diesen Unterschied jedoch. Sie erwarten von allen denselben Rhythmus: gleiche Uhrzeiten, gleiche Meetingzeiten, gleiche Produktivitätsfenster. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Manche Menschen arbeiten gegen ihre innere Uhr. Und nichts ist auf Dauer anstrengender als genau das.

 

Ein unterschätztes Führungsinstrument

Wer den Biorhythmus im Team versteht, hat ein erstaunlich wirksames Führungsinstrument in der Hand. Denn Motivation entsteht oft dort, wo Menschen das Gefühl haben: „Hier darf ich so arbeiten, wie ich funktioniere.“

Praktisch bedeutet das:

  • flexible Arbeitszeiten ermöglichen
  • Meetingzeiten bewusst wählen
  • unterschiedliche Produktivitätsphasen respektieren
  • Leistung stärker nach Ergebnis als nach Präsenz bewerten

Das Ergebnis ist meist verblüffend einfach. Menschen arbeiten besser, wenn sie zu ihrer Zeit arbeiten dürfen.

Produktivität hat eine Uhrzeit

Die eigentliche Frage ist also nicht: Wer arbeitet mehr? Die entscheidende Frage lautet: Wann arbeitet jemand am besten? Denn Produktivität ist selten eine Frage der Disziplin. Oft ist sie einfach eine Frage der Uhrzeit. Und wenn Menschen dann arbeiten dürfen, wenn sie am stärksten sind, entsteht etwas, das jedes Team braucht: Energie. Klarheit. Wirkung.

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