Silodenken im Unternehmen: Warum gute Teams miteinander reden

Es gibt etwas, das ich in Unternehmen nur schwer ertragen kann: wenn Menschen aufhören, miteinander zu reden.
Jeder arbeitet für sich. Informationen werden nicht geteilt. Probleme werden allein gelöst – oder zumindest wird es versucht. Der eine weiß nicht, was der andere tut. Und irgendwann entstehen genau die Strukturen, über die später alle klagen: Silos.
Bei uns in der Agentur versuchen wir deshalb konsequent zu verhindern, dass jemand vor sich hin brödelt. Für mich ist klar: Gute Zusammenarbeit beginnt mit Kommunikation.
Wer sich zurückzieht, fehlt dem Team
Natürlich muss nicht jede Aufgabe gemeinsam erledigt werden. Konzentriertes Arbeiten braucht Ruhe und manchmal auch Rückzug.
Problematisch wird es dann, wenn aus konzentriertem Arbeiten Isolation wird.
Wenn jemand Schwierigkeiten hat und nichts sagt. Wenn Informationen nicht weitergegeben werden. Wenn jeder versucht, seine Aufgaben allein zu lösen. Oder wenn ein Mitarbeiter still vor sich hin leidet, obwohl ein Gespräch vielleicht schon helfen könnte.
Deshalb lautet eine einfache Regel bei uns: Reden, reden, reden.
Fragen stellen. Wissen teilen. Probleme ansprechen. Um Hilfe bitten. Und genauso wichtig: anderen Hilfe anbieten.
Das klingt banal. Im Arbeitsalltag ist es das keineswegs.
Wie Silodenken im Unternehmen entsteht
Silodenken bedeutet, dass Mitarbeiter, Teams oder Abteilungen hauptsächlich innerhalb ihres eigenen Bereichs denken und handeln. Wissen und Informationen bleiben dort, statt im Unternehmen geteilt zu werden.
Ich glaube, dass wir dieses Verhalten zum Teil sehr früh lernen. Schon in Schule und Ausbildung geht es häufig darum, sich mit anderen zu vergleichen: Wer ist besser? Wer ist schneller? Wer bekommt die bessere Note?
Zusammenarbeit spielt zwar eine Rolle. Leistung wird aber meist individuell bewertet.
Diese Denkweise nehmen wir mit ins Berufsleben. Plötzlich soll aus vielen Einzelkämpfern ein Team entstehen. Gleichzeitig bleiben Konkurrenzdenken, Abgrenzung und der Wunsch bestehen, die eigene Leistung sichtbar zu machen.
Das passt für mich nicht zusammen.
Zusammenarbeit ist kein interner Wettbewerb
Ein Unternehmen wird nicht besser, wenn sechs gute Mitarbeiter nebeneinander arbeiten. Es wird besser, wenn diese sechs Menschen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten miteinander verbinden.
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einer Gruppe von Mitarbeitern und einem echten Team.
Der Neurobiologe Gerald Hüther hat es treffend formuliert:
„Menschen wachsen nicht im Wettkampf, sondern im Miteinander.“
Das bedeutet nicht, dass Leistung keine Rolle spielt. Im Gegenteil. Ich bin überzeugt davon, dass gute Zusammenarbeit zu besseren Leistungen führen kann.
Aber dafür müssen wir aufhören, Kollegen als Konkurrenten zu betrachten.
Wenn jemand etwas besser kann als ich, bedroht das nicht meine Position. Es erweitert die Möglichkeiten unseres Teams. Wenn ich Wissen weitergebe, verliere ich nichts. Im besten Fall gewinnen alle etwas dazu.
Gute Führung muss Austausch ermöglichen
Kommunikation im Team entsteht allerdings nicht allein dadurch, dass eine Führungskraft sagt: „Meine Tür steht immer offen.“
Eine offene Unternehmenskultur muss im Alltag erlebbar sein.
Dürfen Mitarbeiter sagen, dass sie nicht weiterwissen? Können sie Fehler ansprechen? Werden Fragen als Interesse verstanden oder als Schwäche? Darf jemand einer Führungskraft widersprechen? Und was passiert tatsächlich, wenn jemand ein Problem offen anspricht?
An solchen Situationen zeigt sich, wie offen eine Unternehmenskultur wirklich ist.
Führungskräfte haben dabei eine besondere Verantwortung. Sie müssen Austausch nicht nur erlauben, sondern vorleben. Dazu gehört auch, selbst Fragen zu stellen, zuzuhören und zuzugeben, nicht auf alles eine Antwort zu haben.
Denn Vertrauen entsteht nicht durch eine PowerPoint-Folie mit Unternehmenswerten. Vertrauen entsteht durch Erfahrung.
Wissen teilen statt Wissen schützen
Silodenken hat noch einen weiteren Nachteil: Wissen bleibt an einzelnen Personen hängen.
Das kann für Unternehmen zum echten Problem werden. Ist eine Person krank, im Urlaub oder verlässt das Unternehmen, fehlt plötzlich wichtiges Wissen.
Deshalb sollten Informationen nicht als persönlicher Besitz betrachtet werden.
Natürlich gibt es vertrauliche Inhalte. Aber grundsätzlich sollte relevantes Wissen dort verfügbar sein, wo es gebraucht wird. Menschen sollten voneinander lernen können, Erfahrungen weitergeben und gemeinsam Lösungen entwickeln.
Das macht ein Unternehmen nicht nur menschlicher. Es macht es auch robuster.
Aus Einzelkämpfern wird noch kein Team
Mich fasziniert in diesem Zusammenhang die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes „concurrere“. Es lässt sich mit „zusammenlaufen“ übersetzen.
Unser heutiges Verständnis von Konkurrenz hat daraus etwas Gegensätzliches gemacht: Wir laufen gegeneinander.
Vielleicht sollten wir uns wieder stärker an die ursprüngliche Idee erinnern.
Denn in einer komplexen Arbeitswelt werden wir viele Herausforderungen nicht dadurch lösen, dass jeder noch schneller für sich allein läuft. Wir brauchen Menschen, die Wissen, Erfahrungen und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden.
Das erfordert Vertrauen. Und manchmal auch Mut.
Den Mut zu sagen: Ich weiß es nicht.
Den Mut zu fragen: Kannst du mir helfen?
Den Mut zu sagen: Ich sehe das anders.
Und den Mut, Wissen weiterzugeben, ohne sich zu fragen, ob dadurch jemand anderes einen Vorteil bekommt.
Mein Fazit: Raus aus den Silos
Silodenken lässt sich nicht mit einem neuen Organigramm beseitigen. Es verschwindet auch nicht durch ein jährliches Teamevent.
Es verändert sich durch die Art, wie Menschen jeden Tag miteinander umgehen.
Deshalb halte ich Kommunikation für eine der wichtigsten Voraussetzungen guter Führung und erfolgreicher Zusammenarbeit. Wer miteinander spricht, versteht mehr. Wer Wissen teilt, schafft neue Möglichkeiten. Und wer anderen vertraut, muss nicht alles allein lösen.
Gute Teams entstehen nicht dadurch, dass jeder für sich besonders gut ist. Sie entstehen dort, wo Menschen miteinander besser werden.

